Edda Breit, Vorstandsmitglied der IGFM

Ab sofort stellt sich auf unserem Blog jeden Monat ein Vorstandsmitglied der IG Freie Musikschaffende vor. Edda Breit, geb. 1964, ist freischaffende Cellistin und 4-fache Mutter. Sie erzählt uns über sinkende Gagen, was sie bereut und wofür sie kämpft.
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Edda Breit

“Ich habe ziemlich früh die dunkleren Seiten des Musikgeschäfts kennengelernt, u.a. wie schwierig es sein kann, als Musiker zu überleben. Ich hatte jahrelang verschiedene „Brotjobs“, damit ich meiner Berufung nachgehen konnte. Dabei dachte ich schon immer, dass diese Arbeit eigentlich besser bezahlt werden müsste. Nach und nach habe ich erkannt, dass diesem Missstand zwei Probleme zugrunde liegen.

Erstens: Manche Instanzen, die zwischen Musikschaffenden und ihrem Publikum stehen – VeranstalterInnen, Plattenfirmen, ManagerInnen o.Ä. – nutzen gern unsere Leidenschaft zur Musik aus. Nicht alle! Aber genug, um die Branche zu prägen.
Zweitens: Allzu oft gibt es MusikerInnen, die um weniger Geld spielen – und wenn den EntscheidungsträgerInnen Qualität und Fairness egal sind, kriegt diese Person auch den Job.

Kurz gesagt: Musikschaffende können nur eine bessere Verhandlungsposition erreichen, wenn wir solidarisch agieren – aber das Musikgeschäft hält uns davon ab, genau das zu tun.

Als ich vor 16 Jahren nach Österreich kam war mein erster Eindruck, dass es hier wesentlich leichter ist, von der Musik zu leben – doch der Zusammenhalt unter Musikschaffenden war damals schon schwach. Das hat sich zwar mittlerweile ein wenig gebessert, aber es ist noch ein weiter Weg – und besonders jetzt ist es wichtig, dieses Bewusstsein zu stärken. Die Mechanismen, die die Gesellschaft zusammenhalten und vor der Verwüstung des ungezügelten Kapitalismus schützen, verschwinden. Ich sehe die Verhältnisse hereinschleichen, die ich von früher kenne. Aber wenn wir als Kollektiv, als Branche agieren, können wir dem entgegenwirken: Ohne uns gibt es keine Musik, daher müssen wir mitbestimmen dürfen, unter welchen Bedingungen wir leben und arbeiten.

Wir dürfen eines nicht vergessen: dass wir Teil der Gesellschaft sind! Wiederum können wir ohne die andere Seite (Publikum, Management,…) auch nicht überleben oder gar existieren. Wir machen Musik für andere Menschen, nicht für uns allein. Und unsere Probleme spiegeln auch die Probleme der Gesellschaft wider:

Wenn wir Positives bewirken auf politischer Ebene, dann hat es für alle einen wichtigen symbolischen – und vielleicht auch konkreten – Effekt.

Ich bin ein Kind der Kreisky Ära

Meine Name ist Edda Breit.
Ich bin Jahrgang 1964 und in Breitenfurt im Wienerwald aufgewachsen – Edda Breit von Breitenfurt verwende ich manchmal als Künstlernamen.
Ich bin ein Kind der Ära Kreisky – Chancengleichheit war angesagt.
Meine Geschwister und ich hatten Freiplätze an der Musikschule, anders hätten wir keine Instrumente lernen können.
Ich war immer schon politisch; Anti AKW, Friedensbewegung, Frauenbewegung – aber vor allem Umweltbewegung.
Zwentendorf und Aubesetzung!
Ich studierte Cello und Klavier in Wien und Detmold.
Aber eigentlich kam ich nicht recht zum Studieren, weil ich so viel spielte: Kammermusik, Wiener Walzer mit einer Damenkapelle, (das war ein ungeheurer Spaß), neue Musik, alte Musik, Wiener Kammerorchester – und Theater mit dem Wiener Masken- und Musiktheater.

Wir fürchteten doch tatsächlich verklagt zu werden, und das konnten wir uns nicht leisten. Unvorstellbar heutzutage!

Alleinstehend und gesund war das kein Problem, im Gegenteil, ich genoss das vogelfreie Leben, immer auf Reisen und überall zu Gast.
Dann stellte sich überraschend doch der Wunsch nach Familie und Kind ein. Die Pflichtversicherung für MusikerInnen gab es noch nicht- also musste eine Stelle her. Das war damals schon nicht so einfach.
Die großen wiener Orchester nahmen keine Frauen und die anderen waren zerstritten und hatten einen bescheidenen Ruf.
Wenn ich etwas bereue, dann dass ich nicht, wie ich mit Freundinnen fantasierte, als Mann verkleidet ein Probespiel bei den Wiener Philharmonikern bzw. beim Staatsopernorchester versuchte.
Wir fürchteten doch tatsächlich verklagt zu werden, und das konnten wir uns nicht leisten. Unvorstellbar heutzutage!
Ich begann in einer Musikschule in Oberösterreich zu unterrichten. Später folgte Wien, dann Barockcello an der Musikuni. Das hatte zur Folge, dass ich zeitweise 4 Pflichtversicherungen hatte!
Gleichzeitig bin ich Mitglied des Wiener Kammerorchesters, spiele viel Barockcello und dann gibt es noch das eigene Ensemble „extracello“, vier Cellistinnen, die von Barock bis zu freier Improvisation ein besonders breites Spektrum abdecken.
Für mich passte diese Vielfalt sehr gut. Ein Drittel Unterricht, ein Drittel Orchester, ein Drittel extracello oder Kammermusik.
Und das feministische Studium am Rosa Mayreder College. Ich wollte unbedingt noch den Master in Feminist Research and Politics machen. Jetzt merke ich, dass es nicht umsonst war.

Das ist UNWÜRDIG!

Mit vier Kindern sieht das alles anders aus. Ich verzichtete auf Reisen und beschränkte mich auf Produktionen in Wien, kündigte in Oberösterreich, der Schwerpunkt verlagerte sich zum Unterrichten, schon vor der Pandemie.
Der Grund dafür waren aber auch die sinkenden Gagen.
Vor zehn Jahren packte ich mein Cello unter 150 Euro pro Tag nicht aus, jetzt ist das eine gute Gage.

Gleichzeitig, oder vielleicht auch gerade deshalb, ist die Szene in Wien heiß gelaufen. Auf der einen Seite ist die Vielfalt und die Fülle unfassbar. Aber die Kehrseite davon ist, und das will niemand bemerken: die Gagen sind so gering, dass man eigentlich davon sprechen muss: Die Hauptlast der Kulturförderung tragen die KünstlerInnen selbst – sie finanzieren die grandiose Wiener Freie Szene.
Die Förderungen sind zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben. Die Ensembles, die eine etwas höhere Summe ergattert haben, warum auch immer, können die anderen ausstechen im Wettbewerb um Gagen, aber auch im Wettbewerb um Ressourcen, um an Ideen und Konzepten zu arbeiten. So hält man die freie Szene in permanenter Konkurrenz – Solidarität kann sich so gar nicht entwickeln.
Da werden zum Beispiel dreistündige barocke Opern an einem renommierten Wiener Theater auf höchstem Niveau gespielt – für 90 Euro brutto!
Normalerweise gebietet uns das Berufsethos über Gagen zu schweigen, aber das muss einfach mal laut gesagt werden! Das ist UNWÜRDIG! Aber leider kein Einzelfall!
Qualität hängt auch mit der Bezahlung zusammen.
Wirklich ausschließlich freischaffend tätige MusikerInnen spielen sich tot. Und glauben das sei professionell.
Professionell wäre es, sich zusammenzuschließen. Das hat die Angst sich Feinde zu machen und aus den Netzwerken zu fallen bis jetzt erfolgreich verhindert.
Bis jetzt.

Die IGFM ist wirklich eine Chance.

Die IGFM ist wirklich eine Chance. Eine Gruppe, wunderbar gemischt, alt und jung und aus vielen verschiedenen Musikrichtungen, zieht an einem Strang – und das höchst professionell!
Dabei schauen wir auf die Zeit nach der Pandemie, wir wollen die Landschaft verändern, wir wollen die Ausbeutung im Kulturbereich beenden.

Meine Kernthemen:

  • Soziale Absicherung, die ihren Namen verdient!
  • Sicherheit und Angstfreiheit – sonst gibt es bald keinen Nachwuchs mehr.
  • Eine gesetzlich verankerte KünstlerInnenanwaltschaft, die wirklich alle Anliegen von Kunstschaffenden unabhängig unter einem Dach vertreten kann.

Und wenn ich noch einen Wunsch in der Pandemie äußern darf:
Ich wünsche mir einen Funken Solidarität und Unterstützung der großen fixen Orchester und ihrer VertreterInnen für die Anliegen der freien Szene – schließlich ist das ihr Nachwuchs!!!!!